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Zeitreise 1973: Striptease im Supermarkt

»Rapide Steigerung der Ladendiebstähle bereitet ernste Sorgen – geklaut wird fast alles« – so lautete 1973 eine dramatische Überschrift in der Juli-Ausgabe der elektro-börse. Davon ließ sich die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar jedoch die Laune nicht verderben - und konterte mit Humor.

Logo: elektrobörse smarthouse Zeitreise Bildquelle: © WEKA FACHMEDIEN GmbH

Ein ernstes Thema heiter abgewandelt hat das offizielle Organ der Industrie- und Handelskammer »Mittlerer Neckar« in Stuttgart. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Ladendiebstahl, der mit wissenschaftlicher Gründlichkeit erst unlängst auf der 20. Betriebswirtschaftlichen Arbeitstagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe in Baden-Baden untersucht wurde. Danach wird der durch Ladendiebstahl verursachte Schaden für 1972 auf 1,9 Mrd. DM geschätzt. Ebenso beunruhigend ist das Ansteigen dieses Delikts. Während die Bundeskriminal-Statistik 1953 schon 43.325 Fälle verzeichnet, waren es 1971 sogar 174.555. Für 1972 wird mit 220.000 zur Anzeige gebrachten Ladendiebstählen gerechnet.

Entdeckt und zur Anzeige gebracht wird jedoch nach Schätzungen der Polizei und des Einzelhandels nur jeder 20. Diebstahl. Geklaut wird alles, von Lebensmitteln bis zu Heimwerkerbedarf, und auch die Täter sind, wie eine Auswertung von 6000 Diebstahlsprotokollen der Karstadt AG ergibt, in allen Gesellschaftsschichten zu finden: Schüler, Hausfrauen, Rentner und Beamte.

 

Titel der Juli-Ausgabe der elektro-börse im Jahr 1973. Bildquelle: © WEKA FACHMEDIEN GmbH

Der Beitrag erschien im Juli 1973 in der elektro-börse.

»Am Eingang des Ladenlokals müssen sie Kleidungsstücke ablegen«

Es ist ein trauriges Kapitel, dem lediglich die Spiegel-Hersteller, Fernsehfabrikanten und Detekteien einige Lichtblicke abgewinnen können. Der Industrie- und Handelskammer »Mittlerer Neckar« bereitet diese Entwicklung wie so vielen von uns ernste Sorgen.

Diesen Ernst soll man hinter der heiteren Glosse nicht verkennen, mit dem sie in ihrem jüngsten Heft das Thema angeht. Sie möchte, daß in einer breit angelegten Öffentlichkeitsarbeit darauf hingewiesen wird, daß Ladendiebstähle keine Kavaliersdelikte sind, daß sie keinen sportlichen Ehrgeiz befriedigen, sondern jedem einzelnen Käufer Schaden zufügen, den die Betriebe durch überhöhte Kalkulationen ausgleichen müssen, und fährt wie folgt fort: »Es könnte sonst geschehen, daß in nicht allzu ferner Zeit eine Agenturmeldung mit der Überschrift ‚Striptease im Supermarkt‘ erscheint: In Klausstadt können in einem Supermarkt Kunden nur noch leichtbekleidet einkaufen. Am Eingang des Ladenlokals müssen sie Kleidungsstücke ablegen, wenn sie ihren täglichen Bedarf decken wollen. Der Inhaber des größten örtlichen Supermarktes sieht sich zu dieser außergewöhnlichen Forderung gezwungen, weil er keine andere Möglichkeit erkennt, die zahlreichen Ladendiebstähle zu verhindern.« – Die Maßnahme habe sich bewährt, die Ladendiebstähle seien schlagartig zurückgegangen und der Umsatz durch zusätzliche männliche (aha!) Einkäufe gestiegen.

elektro-börse, Juli 1973