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Experten-talk: KNX & Co. – Bussysteme für das smarte Gebäude (Teil 1): »Je größer die Gebäude, desto mehr Bussysteme«

Dem »Smarthouse« wird eine glänzende Zukunft prognostiziert, doch für welches Bussystem soll man sich entscheiden? Einen offenen Standard wie KNX oder vielleicht doch eines der proprietären Systeme. Welche Vor- und Nachteile haben die Lösungen und was taugen die Lösungen von Telekom, RWE & Co? Diese und weitere Fragen haben wir in einer smarthouse talk-Runde mit Experten aus sieben Unternehmen eruiert.

KNX-Expertentalk Bildquelle: © elektroboerse-smarthouse.de

Experten-talk: KNX & Co. – Bussysteme für das smarte Gebäude

Die Liste an Bussystemen und Verbindungstechniken, die heute im Wohn- und kommerziellen Gebäudebau zum Einsatz kommen, bzw. kommen können, ist lang. Der VDE hat in Zusammenarbeit mit Partnern 2013 eine Studie vorgestellt, in der die gängigen Bussysteme aufgelistet sind. Die Vielfalt scheint erdrückend und es stellt sich automatisch die Frage, welche Busse sind hier in Deutschland überhaupt relevant. Um diese Frage zu klären schlägt Prof. Eberhard Issendorff, Gründer und Geschäftsführer von LCN [1], vor, erst einmal zwischen Bussysteme für große, kommerzielle Gebäude und den Heimbereich zu unterscheiden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die LCN-Technologie breit aufgestellt ist und beide Märkte bedienen kann.

Trotzdem ist diese Unterscheidung im ersten Ansatz sinnvoll, denn: »Je größer die Gebäude werden, desto mehr gibt es eine Vermischung der Bussysteme, beziehungsweise Bussysteme für die verschiedenen Detailgewerke«, so Andreas Schneider, Chief Marketing Officer und Mitgründer von EnOcean [2]. Er hat selten ein großes Gebäude gesehen, wo alles aus einer Hand kam und auf einem Bussystem basierte. Wichtig bei gemischten Systemen sei, dass alles an einem Punkt zusammengeführt wird und von einem System aus zugegriffen werden kann. Die EnOcean-Technologie würde dabei meist auf der Sensorikseite zum Einsatz kommen, kleinere Gewerke werden auch komplett mit EnOcean-Aktoren ausgerüstet. »Je größer die Gebäude werden, desto eher findet man Bussysteme wie KNX, Dali etc. und die Funktechnik findet dann rein auf der Sensorikseite statt«, berichtet Schneider.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Bernd Scheuffele, Geschäftsbereichsleitung bei TQ-Automation, gemacht: »Vor allem im kommerziellen Gebäudebau, haben wir häufig einen Mix an Technologien, was den Integratoren oft Schwierigkeiten bereitet. Um das besser in den Begriff zu bekommen, haben wir die B-Control-Steuerung für die Raumautomation entwickelt«. Im privaten Bereich seien Technologien wie Dali und KNX leider noch zu teuer ist.

Die Auflistung der vielen Systeme zeigt, wie schwierig es ist, diese einzuordnen. »Jeder Hersteller hat seine Busfavoriten und Lösungen dafür«, wirft Hans-Günter Wegen, Key-Account-Manager Gebäudesystemtechnik von Jung [3], ein. Bei Jung ist das zum einen natürlich der offene KNX-Standard. Mit den Übertragungsmedien IP/TP/RF und den vielen Schnittstellen ist er gleichermaßen für alle Anwendungen im Wohn- und Zweckbau geeignet. Die eNet-Funktechnologie adressiert in erster Linie den Nachrüstbereich im Wohnbau sowie im kleineren Zweckbau, ist aber auch für Neuinstallationen interessant. Zu beachten ist die maximale Teilnehmerzahl von 100 Geräten. Der »Jung-Bus« ist eine Insellösung für Anwendungen z.B. in kleinen Raumzellen. Von daher ist es wenig überraschend, wenn die Bussysteme entsprechend ihren Vorteilen eingesetzt werden.

Auch Martin Vesper, CEO von digitalStrom [4], sieht dies als gängige Praxis: »Ein ganzes Gebäude wird nicht mit nur einem Bussystem gesteuert. Meist wird sich zwischen zwei oder drei Lösungen entschieden. Wir finden uns beispielsweise im Privathaushalt häufig in Kombination mit EnOcean wieder und können IP für die Vernetzung von Breitbandgeräten einbinden, neben der eigentlichen Verkabelung über die Stromleitung.« Ob IP-Netze zu den Bussystemen für die Gebäudesteuerung gezählt werden soll, bzw. sich dafür eignet, zweifelt Prof. Issendorff an: »IP-Netze würde ich rausnehmen, wir sind Gebäudesteuerer. Es gab zwar mal den Traum, alles über IP zu machen, aber der Traum ist schnell ausgeträumt, wenn man die Kosten sieht«. Natürlich ließe sich ein IP-Knoten aufbauen, aber da benötige man entsprechend viele Schnittstellen und Router. »Wir leben alle davon, dass es anders und vor allem preiswerter geht«, so Issendorff.

Wenn verschiedene Bussysteme im gleichen Gebäude vorhanden sind, schlägt die Stunde von myGekko. »Wir sind die, die versuchen, den Elektrofirmen die Möglichkeit zu bieten, mit verschiedenen Bussystemen zu interagieren«, sagt Hartwig Weidacher, CEO von myGekko. Er trifft eine Unterteilung in drei Bereiche, die es zu unterscheiden gilt: die Steuerungstechnik, die Regeltechnik und die Kommunikation. »Kommunikation findet ganz klar über IP statt, beim Rest muss man noch unterscheiden ob wir über eine professionelle Installation reden, die von einer Elektrofachfirma durchgeführt wird, oder dem Do-it-yourself-Ansatz«, meint Weidacher. Fachfirmen verwenden seiner Erfahrung nach sehr viel KNX, EnOcean, LCN oder Modbus, also je nach Anwendungsfall unterschiedliche Lösungen.

Um etwas Struktur in das Bussystem-Wirrwarr zu bringen, schlägt Prof. Issendorff erneut eine Unterteilung in drei Bereiche vor:
1. Zubringerbusse wie Dali, EnOcean
2. Mainstreamsysteme wie KNX, LCN, Digitalstrom, etc.
3. Übergeordnete Systeme, die auch in der Klimatechnik eingesetzt werden, wie BACnet, Modbus, OPC etc.

»Damit haben wir schon mal eine Struktur dazu kommen noch die ganzen Funksysteme für den Nachrüstbereich«, so Prof. Issendorff. Über diese Bereiche müssten noch die Gebäudeklassen gelegt werden. Das Privathaus bewege sich in dem Bereich 1 und teilweise im Bereich 2, Großgebäude in allen drei Bereichen, da hier noch die Klimatechnik hinzukommt.