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Interview: »Brandschutz ist Chefsache«

In vielen Gebäuden entspricht der Brandschutz nicht dem angestrebten Sicherheitsniveau. Besonders im Bereich der Brandfallsteuerung gibt es Nachhol­bedarf. Uns hat Brandschutz- und Sicherheitsexperte Prof. Dr. Eugen Nachtigall erklärt, weshalb Brandschutz und Brandfallsteuerung Chefsache sind.

Eugen Nachtigall  ist Referent bei der  TÜV SÜD Akademie. Bildquelle: © TÜV SÜD Akademie GmbH

Eugen Nachtigall ist Referent für das Seminar »Brandfallsteuerungen von Gebäudetechniksystemen in Neu- und Bestands­bauten« bei der TÜV SÜD Akademie.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation im Bereich Brandschutz ein?
Hier liegt in Deutschland manches im Argen. Viele Betreiber verdrängen das Thema Brandschutz so lange, bis die Probleme überhandnehmen und die Lösungen erst richtig teuer werden. Schon bei der Kostenschätzung wird der Faktor Brandschutz oft kleingerechnet, was in der Folge zu umso höheren Kosten führt. Ein eklatantes Beispiel für Fehlplanungen in diesem Bereich ist der Flughafen Berlin Brandenburg.

Wie sieht es bei der Brandfallsteuerung aus?
Das Thema wird oft unterschätzt. Früher war das Bauen vergleichsweise einfach. In einem Betonwürfel aus den 80er-Jahren findet man viel Mechanik, wenig Technik. Heute müssen verschiedene technische Anlagen perfekt vernetzt und aufeinander abgestimmt sein: Aufzüge, Lüftung, Beleuchtung, Sicherheit und vieles mehr. Bei einem Brandalarm müssen all diese Anlagen richtig reagieren. Zum Beispiel darf der Lift nur noch eine bestimmte Etage ansteuern, bestimmte Türen müssen geschlossen werden, während sich gleichzeitig die Rauch- und Wärmeabzüge in betroffenen Bereichen öffnen und Personen über Sprachdurchsagen gewarnt werden. Das lässt sich mit den alten Denkmustern nicht beherrschen. Die heutigen, »klügeren« Bauten brauchen einen intelligenten Brandschutz, und das bedeutet zuallererst: Menschen, die sich der Komplexität bewusst sind und sie beherrschen.

Was sind die häufigsten Irrtümer und Fehler bei der Brandfallsteuerung?
Ein klassischer Fehler ist die mangelnde Anpassung. Kein Gebäude bleibt so stehen, wie es errichtet wurde. Wer etwa bei Mieterausbauten das Bauliche anpasst, die Anlagentechnik aber auf dem alten Stand lässt, handelt unverantwortlich. Hier muss es jemanden geben, der für die nötige Anpassung der Brandfallsteuerung sorgt. Und das ist das nächste typische Problem: die Zuständigkeit. Betreiber neigen dazu, einen allein verantwortlich zu machen, etwa den Lieferanten der Brandmeldeanlagen. Dabei ist laut Gesetz zunächst in der Regel der Bewirtschafter oder Eigentümer des Gebäudes verantwortlich.

Wie lassen sich solche Fehler künftig vermeiden?
Brandfallsteuerung muss eindeutig Chefsache sein. Ein Betreiber kann die Aufgabe natürlich an Facility Manager oder Brandschutzbeauftragte delegieren. Aber er muss sicherstellen, dass alle mit dem Brandschutz befassten Mitarbeiter über das notwendige Wissen verfügen. In meinem Seminar zum Beispiel zeige ich Gebäudebetreibern, Facility Managern, Brandschutzbeauftragten und Dienstleistern, wie sie Brandfallsteuerung kosteneffizient und professionell betreiben. Sie erfahren, worauf bei Neu- und Bestandsbauten besonders zu achten ist. Und sie lernen Tools kennen, mit denen sie ein Gebäude zugleich wirtschaftlich und sicher betreiben können. Auch bei den Normen und gesetzlichen Richtlinien wurde in letzter Zeit nachgebessert, etwa mit der VDI 6010-Reihe, und es wird noch mehr kommen. Deshalb sollte für Gebäudebetreiber das Thema jetzt hohe Priorität haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Nachtigall.