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Der smarte Blog: Der Auswahlprozess: Teil 2

Im letzten Blog habe ich über die Auswahl des Hausautomationsservers geschrieben. Hier nun geht es um die »Benutzerschnittstelle«, also Taster und weitere Bedienelemente.

Zerlegter Gira-Taster Bildquelle: © Jürgen Wege

Zerlegt man den potenzialfreien Gira-Taster, ist leicht zu erkennen, dass es sehr wenige Bestandteile gibt. Links oben sind die SMD-Widerstände. Die SMD-LEDs je Taste wie auch die für die Hintergrundbeleuchtung sind durch die grauen Balken verdeckt. Was man nicht sieht: Gira gibt sich offenbar große Mühe, den »Missbrauch« des Produktes zu erschweren: Tastpunkte und LEDs sind »über Kreuz«.

Wenn man mit »Smart-Home-Unbedarften« – und das dürften weit über 95% der Gesellschaft sein – über Hausautomation spricht, so muss man sich über Antworten wie: »Ah ja, befüllen des Kühlschranks mit dem iPhone« oder »Wohnungstür öffnen mit dem Handy« nicht wundern. Sind es doch die vielfach bemühten Beispiele. Und wer hat nicht schon mit Häme das Youtube-Video gesehen, in dem der Hauseigentümer im wahrsten Sinne des Wortes im Regen steht, weil ihn die Sprachsteuerung seines Hauses nach dem Besuch beim Zahnarzt nicht mehr verstehen will? Auch das Einstellen der Lichtfarbe dürfte inzwischen bei vielen »Spielzeug-Hausautomationsbesitzern« bekannt sein.

Aber ernsthaft: Wie kann sich eine ganze Branche auch so verrennen? Es gibt mehr idiotische denn sinnvolle Beispiele, wie Smart Home einen wirklich wertvollen Beitrag zu einem komfortableren und sichereren Leben leisten kann. Aber nicht nur bei den Anwendungsbeispielen, auch bei den Bedienelementen rennt die Branche in eine gänzlich falsche Richtung. Nur weil Apps gerade hip sind, schielt offenbar jeder Hersteller eines Produkts nach einem Grund, auch eine App zu haben. Ob sinnvoll oder nicht, das Smartphone muss zum Bedienelement Nummer 1 hochstilisiert werden! Aber das ist Unfug. Die App taugt nämlich gar nicht zur Steuerung der tagtäglichen Abläufe. Heute schon bringen jeder Fernseher und jede Lampe eine eigene App mit. In Zukunft folgen Kaffeemaschine, Staubsauger, Föhn, Zahnbürste und irgendwann sicher auch der Briefkasten und vielleicht sogar der Bierkasten. Ist ja wichtig, eine Message an den Besitzer abzusetzen, wenn nur noch die letzten drei Bierflaschen da sind! Angefangen hat es wohl mit Phillips Smart Hue, inzwischen ist es auch bei Ikea und damit in der breiten Masse angekommen: Ambience Light ist ein Muss für jeden Gadget-Liebhaber und »Technik-Durchblicker«. Und jede App kommt mit eigenem Design, eigener Logik, Verhalten und Funktionsblöcken daher - natürlich, denn man muss sich ja abheben von der Masse, und außerdem hat man auch das allerbeste Bedienkonzept ausgeklügelt! Heute ist es noch eine Spielerei und eben »hip«, mit Apps zu prahlen und den Freunden den letzten Schrei vorzustellen. Das aber geht eben nur gut, solange es wenige dieser modernen Spielsachen gibt und die Funktion letztendlich auch ein Spiel bleibt. Bei einem netten Gadget ist es nicht so wichtig, ob es nun wirklich reaktiv und zuverlässig bedienbar ist oder nicht, man hockt ja daneben, wenn man es benutzt.

Wenn aber Hausautomation das Thema ist, und irgendwann alles mit Logik versehen und »intelligent« steuerbar sein soll, dann ändert sich das Bild: Der arme Benutzer wird dann wild auf seinem Mobilteil herumwischen und es ist ratsam, den abendlichen Kinobesuch schon eine halbe Stunde früher anzutreten. Nur für den Fall, das der Router gerade keine Verbindung zu den verschiedenen Cloudservern herstellen kann, oder diese zwar erreichbar, aber überlastet sind oder sich das zu steuernde Gerät gerade einen Firmware-Update besorgt – den man mittags mittels Auswahl »in 4 Stunden« einmal mehr auf den Zeitpunkt verschoben hat, zu dem es gerade wieder überhaupt nicht passt!
Die Quintessenz: Nichts geht über den klassischen Taster. Mit wenigen und möglichst großflächigen Tastpunkten, klar erkennbaren, einfachen Funktionen. Schon die beliebte Doppelbelegung »lang – kurz« führt nicht selten zur Fehlbedienung, besonders wenn Gäste zu Besuch oder Latenzen im Spiel sind und so der zweite Druck auf die Taste ein langer Druck wird, weil das System scheinbar überhaupt nicht reagiert hat.

Leichter gesagt als getan
Doch Taster für den Einsatz mit 24 V zu finden klingt einfacher als es ist. Denn die klassischen Taster sind für 230 V, meist für 10 oder 16 A ausgelegt. Fein, werden Sie sagen: 24 V oder 12 V Steuerspannung und wenige Milliampere bei der Hausautomation – kein Problem, schaffen die ja locker?
Nun ja… sicher kein Problem zu erwarten ist bei der Spannungs- und Stromfestigkeit. Aber Kontaktprobleme können sich – ich habe da schon leidige Erfahrungen gemacht – leicht einstellen. Die Anfrage bei mehreren Herstellern fiel denn auch klar aus: Nein, man könne nicht dazu raten, die klassischen Taster für niedrige Spannungen und sehr kleine Ströme zu benutzen. Denn die Kontakte sind für höhere Ströme und Spannungen ausgelegt und »reinigen« sich teilweise durch kleine Funken, die beim Schließen entstehen. Bleiben diese über einen längeren Zeitraum aus, so kann eine Korrosionsschicht wachsen. Die Folge: Fehlfunktionen bis hin zum Totalausfall. Wie schnell das sein wird ist erheblich abhängig von Faktoren wie Luftfeuchte, Temperatur und Luftbestandteilen wie z.B. dem Salzgehalt. Kaum vorhersagbar! Schade. Das verteuert die Angelegenheit deutlich.

Kleine Rechnung: Der – aber nur aufgrund einer Lagerräumung – günstigste 24-V-Taster mit 6 Tastpunkten, den wir im Projekt auch eingesetzt haben, ist von Gira. Wir haben ihn für 47 Euro pro Stück beziehen können, Straßenpreis liegt bei oberhalb 55 Euro. Zum Vergleich: Der Taster mit Doppelwippe im Baumarkt kostet um die 6 Euro. Mal drei wären also um 25 Euro zu berappen; inklusive der zwei zusätzlich nötigen UP-Dosen und mehr Arbeitszeit beim Setzen derselben. Würde dieser klassische Taster für 24 V hergestellt, könnten gängige Digitaster eingesetzt werden – Kosten: unter 15 Cent pro Tastpunkt – Endkundenpreis beim Elektronikversender, wohlgemerkt! Auch wären die Verfahren für die Erlangung gängiger Zulassungszeichen einfacher oder gar obsolet, zumindest bis der VDE sich diese Domäne auch noch greifen würde. Also wären solche Taststellen deutlich günstiger zu produzieren als der herkömmliche Taster.

Noch krasser ist der Unterschied bei Taststellen, wo nur eine einfache Doppelwippe den Dienst tun würde. Denn der Zweipunkt-Taster von Gira ist mit 33 Euro im Verhältnis sogar noch wesentlich teurer als der mit 6 Punkten. Für rund 30 verbaute 6er-Taster und 10 Stück der 2er-Variante sprechen wir über ein Sparpotenzial, das leicht 1.000 bis 1.200 Euro erreicht – leider im Moment noch hypothetisch. Neben den höheren Kosten für die Taster selbst ist man aber auch »systemisch gefangen«: Die zur Serie passenden Steckdosen und die Abdeckrahmen sind ebenfalls deutlich teurer als gängige Baumarkt-Ware. Insofern erhöht sich die Differenz sicherlich auf fast 2000 Euro. Derselbe Taster, in KNX Ausführung – und da ist eigentlich nur die Anschlussplatine anders – kostet übrigens rund 80 Euro (6-fach) bzw. 61 Euro (2-fach), hinzu kommt der Busankoppler für fast 35 Euro. In der Summe lägen diese also mit fast 4.500 Euro bei mehr als dem Doppelten des 24-V-Schwesterprodukts, das mit rund 1.900 Euro zu Buche schlug. Für fast 30 Jahre alte Technik, wohlgemerkt!